So eine Enttäuschung! Mein Urvertrauen ist zerstört.

Zuerst in Oxford. Da schoben wir es noch auf den schlechten Ankergrund. Dann aber wieder hinter Ellis Island – immerhin während die capitania seelenruhig schlief und nichts mit bekam, hingegen ich fast die ganze Nacht Wache hielt. Und jetzt wieder, heftig, wenn auch während eines Gewittersturms mit 40kn Wind (bei einer Spitze von kurzzeitig 45).

Austausch des alten gegen den neuen Anker in der Marina bei Hampton

Dabei habe ich sooooo lange gebraucht, um Vertrauen zu fassen und ruhig zu schlafen. Bei unserem ersten Mal, es war ein Törn mit einer Charteryacht in Kroatien, hielt ich sogar nachts noch Wache – obwohl überhaupt kein Wind war. Und ging ansonsten lieber an die fast überall ausgelegten Bojen. Oder in eine Marina.

Ich schreibe vom Anker. Bzw. dessen Halt. Unser alter verzinkter 35kg SPADE hat uns nie auch nur ein einziges Mal im Stich gelassen: Er hielt. Immer. Im Mittelmeer. Auf den Kanaren. Auf den Kapverden, der Karibik, den Bahamas. Auch in Beaufort/North Carolina. Kein Sturm, keine noch so wilde Winddrehung brachte ihn aus der Fassung bzw. zum Slippen. Natürlich hatten wir den passenden Ankergrund gewählt, den Anker gut eingefahren, ausreichend Kette gesteckt usw.

Und dann hatten wir das Qualitätsproblem mit der Schweissnaht. Kein Problem für die Stabilität. Denn der Schaft besteht aus 3 Platten und würde auf Grund der Konstruktion auch halten, wenn die Platten überhaupt nicht miteinander verschweisst wären. Allenfalls die Torsionssteifigkeit leidet. Aber es war sehr unschön und die capitania zweifelte zunehmend an der Stabilität.

Auf Garantie bot uns SPADE nach einigem Hin und Her einen Austausch an. Schliesslich geben sie eine lebenslange Garantie auf Produktionsmängel – und eine sich lösende Schweissnaht ist definitiv ein solcher. Umsonst wars nicht, denn ich musste 150 USD Transportkosten von Florida nach Hampton bezahlen, Und aus unerfindlichen Gründen 320 USD für den Rücktransport. Da UPS mir eine Strafgebühr berechnete weil das Paket angeblich „oversized“ war (dabei sandte ich es in derselben Verpackung zurück). Hinzu kam der Mehrpreis für die Ausführung: SPADE USA bot mir an, gegen Bezahlung des Mehrpreises auf Edelstahl zu wechseln. Was ich annahm.

Und hier beginnt mein Problem. Seitdem hält der Anker nicht mehr. Obwohl ich deutlich mehr Kette gebe als früher. Obwohl ich ihn mit beiden Motoren rückwärts einfahre und teste. Das Problem ist: Sobald der Wind (oder die Tiden-Strömung) das Schiff dreht, fängt der Anker an zu slippen. Beim alten verzinkten war das vielleicht mal ein halber bis einen Meter, dann grub er sich wieder fest ein. Nicht so mit dem neuen.

Zu Anfang schiebe ich es auf den Ankergrund. Obwohl der aus Schlick und Schlamm besteht – und damit eigentlich passablen Halt bieten sollte. Als wir dann aber immer öfters mal slippen während andere es nicht tun (insbesondere Langfahrer, die anders als viele Locals ein vernünftiges Ankergeschirr haben) wird mir immer klarer:

Unser neuer Anker ist Sch….

Dabei hat er dieselbe Grösse wie der alte. Sollte auch dasselbe Gewicht haben. Nach etlichen Überlegungen finde ich im Internet einen Hinweis, dass man einen SPADE nicht so einfach neu verzinken kann: Dazu muss erst das in die Spitze gegossene Bleigewicht durch Erhitzen entfernt, und nach dem Neu-Verzinken wieder eingegossen werden.

Da scheint der Hund begraben zu sein:

Möglicherweise besitzt unser neuer Edelstahl-Anker kein solches Bleigewicht, und hat daher eine andere Balance?

SPADE schweigt sich bisher dazu aus.

In Oxford hatten wir riesiges Glück, sonst wäre INVIA jetzt zumindest ruderlos. Wenn nicht auch noch leck geschlagen.

Hinter Ellis Island drehte der Wind und nahm auf rund 20kn zu. Mein 6er Sinn meldete sich noch vor dem Ankeralarm (eine App auf dem Handy, mit der ich dessen GPS Position überwache) und ich wachte auf. INVIA war um gut 25m ausserhalb des Schwojkreises geslipped, hielt danach aber. An Schlafen war für mich aber dennoch nicht mehr zu denken, ich hielt Ankerwache.

Und gestern, vor Anker bei Port Washington, gabs den erwähnten Gewittersturm. Es ist kein wirklicher Trost, wenn dabei auch ein paar andere auf Drift gingen – bei der Mehrzahl hielt der Anker. Ich hielt mit beiden Motoren dagegen, damit INVIA nicht in andere Schiffe hinter uns driftete. Erschwerend kam hinzu, dass eine Gunboat (ein grosser Performance-Katamaran aus der gleichen Schmiede wie Outremer) ebenfalls auf Drift ging. Dessen Crew war aber ebenfalls wach und hielt, wie wir, mit den Motoren die Position. Als der Spuk vorbei war, ankerten wir um. An eine etwas weniger geschützte, dafür aber nicht von anderen Ankerliegern vereinnahmte Position. Es blieb zum Glück ruhig und wir konnten unsere Augen schliessen.

Was macht Elsa?

Der Hurricane Elsa droht, seinen Weg entlang der US Ostküste bis hierher in den Norden zu ziehen. Evtl. nicht mehr in Hurricane-Stärke – aber 40 – 50kn reichen auch schon. Und bei dem Vertrauen, das ich inzwischen in unseren Anker habe, genügen schon 25kn, damit mir das Herz in die Hose rutscht. Er soll uns im Laufe des Freitagvormittag erreichen, je nach Prognosemodell in unterschiedlicher Stärke von hauchzart bis heftig.

Was tun?

Geschützte Buchten gibt’s zu Hauf – aber auch die brauchen einen Anker, der hält! Ich will in eine Marina. Aber die sind bereits alle belegt, ich ernte nur Absagen. Trotz der exorbitanten Preise, die hier für einen Liegeplatz genommen werden. Bzw. korrekterweise für einen Kurzzeit-Liegeplatz, denn bei längeren Aufenthalten ab 1-2 Monaten wird es rasant günstiger. Also bleibt nur: Hoffen, Bangen, Ankerwache gehen und ggf. einfach raus aufs Wasser und den Sturm dort abwettern. Alles machbar. Alles nur nicht so angenehm.

 

Etliche Delfine begrüssen uns bei der Einfahrt in die Oyster Bay

Wir verlegen uns etwas weiter nord-östlich in die Oyster Bay. Einfach ein neuer Versuch, vielleicht gibt es da ja einen Super-Ankergrund, in dem selbst unser neuer Anker hält? Und ja – es wird allerhöchste Zeit, einen grossen Danforth Anker als Ersatz mit zu nehmen. Wir haben einen Zweit-Anker, aber der hat nur 18kg. Ob ich damit im Sturm wirklich besser bedient bin?

Da kommt der Anruf. Der Dockmaster vom Huntington Yacht Club hat auf meine Bitte hin, mir doch Bescheid zu geben, wenn sich an der Buchungslage etwas ändert, reagiert. Er meinte er kann uns noch unterbringen – ob wir denn noch wollten? Klar doch! Die US$ haue ich tatsächlich gerne dafür raus. Hauptsache ich muss nicht auf den Anker vertrauen.

Und so liegen wir von Mittwoch auf Donnerstag in der Oyster Bay nochmal vor Anker, bevor evtl. – oder auch nicht – Elsa naht und wir in die Marina gehen können. Nicht ahnend, dass die rote Boje da vor uns in der Oyster Bay als Wendeboje für die örtliche Regatta benutzt wird. Die, wie an so vielen Orten der US-Ostküste, immer an einem Mittwoch stattfindet. Ha – und heute ist Mittwoch!

 

Wir verfolgen gut gelaunt das Geschehen. Manchmal etwas nervös, weil um jeden Zentimeter gekämpft wird und das Hindernis INVIA dabei haarscharf umsteuert wird.

Es fehlt noch der Bericht zu New York über unsere Erfahrungen am 4. Juli & danach.

Mit zahlreichen tollen Bildern usw. Wird nachgereicht! Angesichts von ELSA & unserem Anker ist mir im Moment nur grade nicht nach einem Reisebericht.

2 Antworten auf „So eine Enttäuschung! Mein Urvertrauen ist zerstört.“

  1. Uih, uih, uih tatsächlich eine spannende Geschichte mit dem Anker. Gut möglich, dass auch die jetzt glatte Oberfläche des Edelstahls es erschwert, dass der Anker Grund fasst.

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