Kommt es zum Angriff der Killerwale?

Ende Juli breche ich wieder auf zu den Azoren, nach Ponta Delgada. Um INVIA – mit deutlicher Verspätung – endlich ins Mittelmeer zu bringen.

Ankunft in PDL mit einem bequemen Direktflug aus Zürich

Gepäckabgabe am Airport Zürich….. Ich hatte zum Glück den Self Service genutzt und konnte mir die Warterei zumindest in dieser Schlange ersparen. Die Sicherheitskontrolle war mit sehr viel Personal gut bestückt und lief recht zügig.
INVIA in Ponta Delgada

Ich überprüfe, reinige und warte die wichtigsten Komponenten von INVIA. Und gönne mir einen Tag lang Touristenprogramm, um zumindest ein wenig von Ponta Delgada zu sehen.

Eindrücke aus Ponta Delgada:
Im Jardim Botânico José do Canto

Für eine Besichtigung der ganzen Insel Sao Miguel reicht die Zeit nicht, denn bald kommt die Crew.

Lange, seit den Bahamas schon, habe ich mich auf das Abenteuer „Strasse von Gibraltar“ vorbereitet. Drüber nachgedacht, mich informiert, wo ich nur konnte, damit ich zumindest vorbereitet bin, wenn ein Angriff auf INVIA erfolgt. Denn diese Gefahr ist leider sehr real geworden: Die Angriffe der ORCAs, der Killerwale, auf Segelschiffe rund um Gibraltar und weiter hoch entlang der spanisch-portugiesischen Atlantikküste.

Angriff der Killerwale

Es begann 2020 in kleiner Zahl und beschränkte sich zunächst auf kleinere Monohulls bis 12m Länge. Inzwischen sollen mehr als 1.000 Schiffe angegriffen und mehr als 400 (VIER hundert!!) Segelschiffe schwer beschädigt worden sein. Auch viele Katamarane und größere Schiffe. Vor eingen Wochen ist gar das erste gesunken, ein weiteres vor kurzem.

Die Orcas attackieren zielgerichtet das Ruderblatt und reißen oder beißen es ab – bei einem Katamaran alle beide. In der Folge ist das Schiff mindestens manövrierunfähig und muss abgeschleppt werden. Weil bei der Aktion oft auch die Lagerung oder Aufnahme des Ruderblattes beschädigt wird, kann es vorkommen, dass auch der Rumpf Schaden erleidet und / oder es zu starkem Wassereinbruch kommt, wenn der Ruderstock aus dem Rumpf gerissen wird. Es gibt erste Berichte von Seglern, wonach selbst nach dem Ruderverlust die Orcas ihre Angriffe nicht einstellen, sondern das Schiff weiter attackieren. Im Internet kursieren unzählige Bilder und Videos von solchen Angriffen – bei Interesse einfach mal googeln.

Die Gründe für dieses Verhalten der Orcas liegen noch im Unklaren. Tatsache ist, dass die Abschleppdienstleister, welche die dann manövrierunfähig gewordenen Schiffe oft Hundert und mehr Meilen zu schleppen haben, sich vor Aufträgen nicht retten können. Ebenso die Werften rund um Gibraltar: Das havarierte Schiff muss aus dem Wasser gehievt und aufwändig repariert werden. Ich höre und lese von monatelangen Reparaturzeiten und hohen Summen, weil der Bedarf so hoch ist.

Alleingelassen

Eine traurige Tatsache ist ferner, dass es für uns Segler weder seitens der portugiesischen noch der spanischen Regierung Unterstützung gibt. Die offizielle Empfehlung an uns Segler lautet: Segel bergen, Motoren aus, Elektronik aus und das Schiff ohne zu steuern treiben lassen. So lange bis die Orcas ihr Werk vollbracht haben und dann hoffentlich von dannen ziehen, ohne das Schiff (wie leider immer häufiger vorkommend) weiter zu attackieren.

Abwehr eines Angriffs

Insbesondere auf Facebook gibt es Selbsthilfegruppen, in denen sich Segler untereinander austauschen. Berichten, in welcher Gegend sich die Orcas gerade aufhalten, um diese evtl. besser umfahren zu können. Aber auch, welche Methode die Orcas wirkungsvoll vertreibt. Dabei muss teilweise verdeckt kommuniziert werden. Vertreter von Tierschutzorganisationen besuchen gerne diese Gruppen und manche gehen teilweise aggressiv gegen Segler vor, die von ihren Abwehrmaßnahmen berichten.

Insbesondere 2 Methoden scheinen sich zu bewähren.

Beide sind von Portugal und Spanien offiziell verboten:

  1. „Unter Motor rückwärts fahren“ und zum anderen
  2. der Einsatz von sogenannten „Pingern“.

Beim Rückwärtsfahren unter Motor befindet sich (mit Ausnahme einiger Katamarane, bei denen das Ruder ohnehin vor dem Propeller verbaut ist) dann (in Fahrtrichtung gesehen) der drehende Propeller direkt hinter dem Ruder. Orcas attackieren immer von hinten kommend, selbst wenn sich das Schiff wie im Falle einer Rückwärtsfahrt nur langsam bewegen kann. Es sind hochintelligente Tiere, die sofort erkennen, dass der drehende Propeller eine gefahrlose Annäherung an das Zielobjekt „Ruderblatt“ verhindert. Zumindest Portugal scheint diese Methode inzwischen nicht mehr als verboten zu klassifizieren. Einige Segler berichten, dass sie zwar von Naturschützern angezeigt wurden, als sie den erfolgreichen Einsatz dieser Methode öffentlich schilderten, von den Behörden aber nicht weiter belangt wurden.

Eine weitere Methode ist der Einsatz von Pingern. Das sind kleine batteriegetriebene Geräte, die einen Utraschallton aussenden, den Delfine und Orcas  als unangenehm empfinden.

Ein einzelner Pinger

Fischer setzen diese Pinger in ihre Netze ein, damit Delfine & Orcas sich nicht in den Netzen verfangen. Und wohl auch, damit diese nicht versuchen, die im Netz gefangenen Thunfische zu ergattern. Der Einsatz von Pingern auf Segelbooten zur Abwehr eines Orca-Angriffes hingegen ist sowohl von Spanien wie Portugal verboten.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Gerade als Cruiser durfte ich tagtäglich die Schönheit der Meeresfauna und-flora erfahren. Konnte deren zunehmende Zerstörung durch den Menschen live miterleben. Erfreute mich an den Spielen der Delfine, die uns oft spielerisch begleiteten. Und hatte das Glück, mehrmals Wale zu sichten. Aber was hier vor Gibraltar und entlang der Küste bis Galizien passiert, muss anders gehandhabt werden.

Wir Segler brauchen offizielle Unterstützung bei der Ermittlung und dem Einsatz tierschonender Abwehrmaßnahmen.

Erste Schiffe sind durch diese Angriffe bereits gesunken – es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Menschen dabei umkommen werden.

Der Status quo ist einfach nur grotesk.

Auf meine Frage, was ich denn tun könne, um sicher von den Azoren ins Mittelmeer zu segeln, wurde mir vom Vertreter einer Tierschutzorganisation folgendes ernsthaft geraten: Kehrt zu machen und durch den Suez-Kanal ins Mittelmeer, um die Strasse von Gibraltar zu vermeiden. Das bedeutet also zurück über den Atlantik, durch den Panama Kanal oder rund ums Kap Horn, quer durch den Pazifik, vorbei an Australien & Asien. Und dann am Ende: Durch den Golf von Aden, vorbei Somalia & Erithrea. Ein Gebiet, das von keiner Versicherung gedeckt wird, weil es von Piraten wimmelt, die kleinere Schiffe regelmäßig attackieren und im besten Fall lediglich ein Lösegeld für die Freilassung der lebenden Besatzung erpressen wollen. Ja genau, diese Route solle ich nehmen, denn nur so könne ich vermeiden, evtl. einen Orca zu schädigen. Genial – alle Segler, mit denen ich diese Idee teilte, waren hellauf begeistert…….

Ich möchte hier festhalten und klar stellen:

Ich achte und schätze die Natur. Ich respektiere die Meeresbewohner und versuche sie zu schützen, wo ich kann.

Aber:

Wenn beispielsweise der Einsatz von Pingern in Fischernetzen legal ist, die Orcas nicht geschädigt sondern nur vertrieben werden – dann verstehe ich nicht, warum deren Einsatz auf einem Segelschiff zur Abwehr eines Angriffs untersagt ist. Schlussendlich habe ich diverse Vorbereitungen getroffen. Ich schreibe hier nur soviel:

Als Skipper bin ich verantwortlich für Leben & Gesundheit meiner Crew & die Sicherheit meines Schiffes. Das – und auch mein eigenes Leben – hat oberste  Priorität. Egal was Sesselfurzer und Bürokraten für Vorschriften erlassen und wie viele selbsternannte Orca-schützer sich nun melden und aufschreien.

Im Zuge der Vorbereitungen hatte ich hier nicht näher bezeichnetes Equipment auf legalem Weg bestellt und zu meinem Mitsegler Oliver nach Deutschland senden lassen. Er sollte es im Mai auf die Azoren, nach Horta, mitbringen. Durch meine Covid-Erkrankung kam es bekanntlich anders. Oliver war so nett und schickte das Paket weiter an die Marina in Ponta Delgada, damit INVIA auf jeden Fall darüber verfügt. Per DHL.

Nur, was wir nicht bedacht hatten: Die Lieferzeit auf die Azoren! Nach Portugal ging es laut Tracking Code sehr schnell. Bis es aber auf den Azoren eintraf, vergingen sage und schreibe 5 Wochen. Kurz vor knapp, genau 1 Tag vor dem Ablegen Richtung Mitterlmeer, hatte ich endlich das Paket in den Händen. Übrigens brauchte nicht nur dieses Paket so lange: Ein Ersatzteil, das ich direkt vom Händler auf die Azoren liefern ließ, brauchte gar 6 Wochen. Es liegt noch immer in Ponta Delgada, denn ich konnte nicht mehr so lange mit der Abreise warten. Dort wartet es auf einen freundlichen Segler, der es mit nach Festland-Europa bringt und es mir dann zuschickt.

Im folgenden BLOG werde ich über den weiteren Reiseweg berichten. Es werden die letzten Beiträge werden, denn inzwischen habt das Abenteuer „Landleben“ begonnen.

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