Ankern in der Bight of Acklins. Oder: Captain´s delight & frustration

Ein Sprichwort unter cruisern – also Langfahrt-Seglern – sagt: Die Höhen sind höher und die Tiefs tiefer. Gemeint sind die emotionalen Schwankungen, die man als cruiser durchläuft. Im Vergleich zu einem Landratten-Leben.

Da ist viel dran.

Dazu kommt:
Auch als captain durchlebe ich manchmal Wechselbäder. Neben den erwähnten emotional-menschlichen zusätzlich solche, die mit meinen Entscheidungen und meiner Verantwortung für Schiff & Crew zu tun haben.

Bevor ich eine Entscheidung fälle, hole ich die zur Verfügung stehenden Informationen ein. Gewichte, wäge ab, bespreche eventuelle Alternativen mit der Crew. Am Ende fällt eine Entscheidung über das weitere Vorgehen. Meine Entscheidung . In 95% der Fälle fühle ich mich gut dabei. Aber in vielleicht 5% der Fälle wäre ich froh, wenn ich nicht entscheiden müsste. Einfach mal die Befugnisse abtreten könnte: Scotty übernehmen Sie!

Ungut wird es, wenn ich dann hin- und her schwanke. Ein wankelmütiger captain – sowas braucht kein Schiff. Grade das habe ich mal wieder hinter mir. Auslöser waren widersprüchliche, sich ändernde Informationen – oder auch einfach: Zu viele Informationen. Und keinen Plan B haben zu können. Weil den äussere Umstände nicht hergeben. Mag ich gar nicht – ich möchte IMMER einen Plan B in petto haben. Falls Plan A aus irgendwelchen Gründen nicht funktioniert.

In Rot: Unser Track von der DomRep kommend nach Great Inagua. Von dort weiter in die Bight of Acklins. Oben in der Bildmitte läge Mayaguana.

Wir hatten geplant, bei passendem Wetter die östlicher gelegenen Bahamas Inseln zu besuchen. Little Iguana, Mayaguana und dann weiter nach Samana Cay. Sofern wir den dazu passenden Wind bekommen. Auf Great Inagua liegend beobachte ich die Wettervorhersage. Die eine heranziehende Front mit Starkwind vorhersagt. Keine Sturmstärke, aber Starkwind. Aus Nord-Ost. So richtig passt das nicht in unsere Pläne. Auf Mayaguana könnten wir vermutlich hinter dem Riff in der Abrahamas Bay im Süden der Insel die Front abwettern. Aber so ganz optimal sieht es nicht aus – zumal wir dort möglicherweise eine ganze Woche verbringen müssten, wenn die Vorhersage-Modelle PWG & GFS Recht behalten.

Vorhersage von Predit Wind. Dieses Bild zeigt eine Vorhersage für Wind mit 25kn aus NordOst. Die Gusts, also Böen, die kurzzeitig auftreten, liegen hier knapp unter 30 kn. Später steigt die Vorhersage auf 30kn mit Böen bis 40. Das ist entscheidend, denn: Der Winddruck, also die Kraft die der Wind ausübt, steigt nicht linear mit der Geschwindigkeit. Sondern im Quadrat.

Ich entscheide mich, stattdessen nach Acklins zu segeln. Vorbei am faszinierendem Hogsty Riff, in dem wir letztes Jahr noch geankert hatten.

Dort dann in die Bight of Acklins. Da waren wir noch nicht, da wollten wir ohnehin noch hin. Es ist eine riesige Bucht (siehe Karte) mit flachem & türkisfarbenem Wasser. Kaum von Seglern befahren, denn es gilt als navigatorisch sehr anspruchsvoll. An der tiefsten Stelle hat es grade mal 3m. Das perfekte Gebiet für Sturm & Starkwind! In dem flachen Wasser können sich keine wirklichen Wellen aufbauen. An der Westküste von Acklins sollten wir perfekt geschützt sein. Vor den Wellen – vor dem Wind nicht. Das geht in den Bahamas fast nirgends, denn die Inseln sind sehr flach, oft nur 2 oder 3m über dem Meersespiegel.

Und so verlassen wir Great Inagua im Morgengrauen. Setzen das Code D und können am Nachmittag an der Südspitze von Acklins in türkisfarbenem Wasser den Anker fallen lassen.

Salina Point, die südliche Ecke der Bight of Acklins. Vom tiefen Blauwasser kommend sieht man das riesige Gebiet mit türkisfarbenem Wasser.
Sugar Bay am Salina Point, Südende der Bight. Unser Ankerplatz von Great Inagua kommend.
Das Wasser ist glasklar. Hier hat es noch 6m Wassertiefe!

Siehe auch das gelbe Ankerzeichen in der Karte.  Von dort wollte ich den kürzesten Weg hinein in die Bight nehmen – siehe die blau markierte Route in der Karte.

Die Bight of Acklins. Nach ca. 85nm, von Great Inagua kommend, erreichen wir am späten Nachmittag die Sugar Bay am Salina Point und ankern erstmal. Tags darauf wollten wir die blau eingezeichnete südliche Route nehmen.
Die südliche Route entlang der Westseite von Acklins hinein in die Bight. Stellenweise geht es knapp und eng zu. Aber die Explorer Charts in den Bahamas sind akurat. Ich kann sie jedem Bahamas-Segler, der sich ein wenig abseits der ausgetrampelten Pfade bewegen will, nur wärmstens empfehlen!

Inzwischen habe ich die wenigen BLOGs und Facebook-Berichte anderer Segler zur Bight of Acklins gelesen. Da heisst es oft: Sehr schlecht haltender Ankergrund. Nur dünne Sandschicht auf Fels – das brauche ich nicht, wenn wir Starkwind bekommen! Da möchte ich, dass der Anker fest sitzt und gut hält. Zu allem Überfluss: Die Lifepart 2, die 1 Tag vor uns aufgebrochen ist, hat diese Route gewählt. Sie berichtet mir per Whats App, dass die Explorer Charts perfekt stimmen und man tatsächlich problemlos passieren kann. Mit nur wenig Wasser unter dem Kiel – aber für einen Katamaran ausreichend. Mit genau den Tiefen die in der Karte genannt sind. Aber: Sie fühlen sich nicht wohl dort am Binnacle Hill, der Ankergrund bietet zu wenig Halt. Sie gehen wieder Anker auf, wollen es weiter nördlich probieren.

Uns läuft die Zeit davon, die Front kommt.

Hmpf – wir brauchen einen sicheren Ankerplatz! Die Wetterdaten haben sich nicht geändert. Wir erleben gerade spiegelglatte See, die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm.

Was tun? Die Insel Long Cay weiter im Norden bietet an der Westseite keinen Schutz, denn dort hat es vorgelagert viele Korallenköpfe und Riffe. Ähnliches, nur nicht ganz so Riff-belastet, gilt für die Westseite von Crooked Island.

Dazwischen liegt French Wells: Ein geschichtsträchtiges Gebiet, das tatsächlich Rundum-Schutz bietet. Wir hatten letztes Jahr mal dort geankert. Und sind nach wenigen Stunden wieder weg. Der Tidenstrom setzt mit bis zu 4kn. Und wechselt alle 12h die Richtung – wie es die Gezeiten so an sich haben. Das gibt chaotische Schiffsbewegungen, das Schiff wirbelt und dreht und geht mal vor, mal zurück. Denn mal gewinnt der Strom, dann wieder der Wind.

Ich entscheide mich, an die Westküste von Crooked Islands zu gehen. Ankern irgendwo zwischen den Riffen und Korallenköpfen, da wird es schon eine Stelle geben. Spätestens am Landrail Point, im Norden gelegen, gibt es sehr gut haltenden Ankergrund.

Wir brechen auf. Unterwegs aktualisiere ich das Wetter. So ein Mist! Nun soll zumindest nach dem PWG Modell doch erstmal kräftiger Nord – Schwell kommen. Bevor alles auf Nord-Ost und später Ost dreht. Mit Nordschwell liegen wir beim Landrail Point aber nicht gut.

Was tun?
Doch die French Wells?

Obwohl noch 15 nm entfernt sehe ich auf dem AIS einen Segler, der in den French Wells liegt. Ich funke ihn an und habe Glück: Er hört mich und ich höre ihn. Ausser ihm liegen noch 4 weitere Schiffe in den French Wells. Das ist mir für dieses Gebiet zu voll.

Was tun?
Die Lifepart 2 schreibt mir inzwischen per WhatsApp, sie liegen nun etwas weiter nördlich in der Bight beim Camel Point. Der Ankergrund wäre nicht super, aber würde halten. Am Ende also:

Kommando zurück – alles auf Anfang!

Wir gehen wie ursprünglich geplant in die Bight of Acklins. Weil wir inzwischen fast am Windsor Point angekommen sind, aber nicht über die südliche (blau markierte) Route. Sondern oben rum, über die rot markierte. Etwa 20nm umsonst verbraten. Unter Motor, denn wir haben ja die Ruhe vor dem Sturm. Immerhin: Die rot markierte Route führt durch tieferes Wasser mit Wassertiefen zwischen 2,2 und 3m. Und es kommt Wind auf: Wir können segeln.

Ergebnis:

Seit gestern nun liegen wir hier. Und wir liegen: Super! Der Anker hält bombig. Dort wo das rote Ankersymbol eingezeichnet ist. Genau an der Stelle, auf denen auch in den Explorer Charts das Ankersymbol ist: Weiter weg vom Strand. Da hat es eine viel dickere Sandschicht als näher am Ufer. Der Wind bläst mit 25 – 30kn, die stärkste Böe hatten wir gerade mit 38kn. Zwischendrin schläft der Wind immer wieder vollkommen ein, dann regnet es, bevor es wieder bläst.

Alles bestens. Der perfekte Platz – wir liegen gut & sicher. Der Mobilfunk-Empfang ist ausgezeichnet. Wir haben kaum Schwell. Warum habe ich nur so hin- und herlaviert?

Hier ein kurzes Video von unserem Ankerplatz:

5 Antworten auf „Ankern in der Bight of Acklins. Oder: Captain´s delight & frustration“

  1. Hallo Stefan,
    eine sehr schöne Ecke. Wir fuhren im letztn Jahr die blaue Route rein und die rote Route raus. Eine Front wetterten wir im Snug Corner ab. Absolut geschützt und ohne Welle, aber sehr flach. Mit dem Anker hatten wir nirgendwo Probleme. Liebe Grüsse von der Vairea aus Key Biscayne.

    1. Danke Daniel! Tatsächlich habe ich erst nach dem WhatsApp Hinweis von Martina an meine capitania davon erfahren. Ich muss gleich mal Euren Bericht dazu lesen

  2. What a great detailed description. We are heading south along Long Cay and just passed you as you are heading north. Beautiful boat. Aside from being protected from the wind at your anchorage, how was the scenery? Were you able to get off the boat and find anything to explore? We were anchored just north of French Wells before Landrail Point. We had really good protection. You should see about 5 boats still there when you pass. Have a wonderful day, April & Mike, SV Wander

    1. Hey guys,
      Yes I saw you as well, followed by BLUE. I was just thinking that in 2 minutes or so I shall call you on the VHF. Ask if you see me and double-check if you know the rules of the road (I am a bit nervous on that as I had a few experiences here, but not with cruisers…..). But before thinking deeper you changed your course to starboard – thanks!
      We just dropped the hook at Landrail point. Still blowing but almost no swell.
      We went ashore at Camel Point, yes. Docked the Dinghy at the old dock, located right East of “Camel Point” and “Old Fuel tanks” on the Explorer charts. You can either beach your dinghy (shallow!) leaving the dock on your left. Or tie the dinghy at the old dock and climb up. Did a long hike to Spring Point settlement. Nothing special to see but super-friendly people. Every car stops and asks if they can give you a lift and is happy to have a small chat. As we had been 4 (another couple from another boat) a guy even took his bus to come and ask if we need a ride (which we didn´t as we wanted to walk our feet).

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